Der Erdgasausstieg kommt – Wie geht es für Unternehmen in MV weiter?
Der „Grüne Dienstag“ machte am 19. Mai 2026 erneut Station bei der WEMAG in Schwerin. Gemeinsam mit dem Zukunftszentrum MV+ lud der Unternehmerverband Norddeutschland Mecklenburg-Schwerin Unternehmerinnen und Unternehmer dazu ein, sich mit der Transformation des Energiesystems auseinanderzusetzen.
Warum der Erdgasausstieg Unternehmen direkt betrifft
Die Vorträge zeigten: Der Erdgasausstieg ist kein abstraktes Klimathema, sondern verändert die Energieversorgung von Unternehmen ganz praktisch. Gaspreise können stark schwanken. In der gezeigten Preisentwicklung für Haushalte und Industrie war besonders für das Jahr 2022 eine deutliche Preisspitze sichtbar. Auch danach lagen die Gaspreise weiterhin über dem Niveau vor 2021. Für Unternehmen bedeutet das: Erdgas bleibt ein Risikofaktor, weil Preisentwicklung, Versorgungssicherheit und politische Rahmenbedingungen nicht mehr stabil planbar sind. Der Ausstieg aus fossilen Energieträgern rückt durch Klimaneutralitätsziele, CO₂-Preise und regulatorische Entwicklungen näher. Gleichzeitig nimmt der Druck zu, Energieversorgung nicht nur nach kurzfristigen Kosten, sondern strategisch zu planen. So lautete eine zentrale Botschaft: Unternehmen sollten den Wandel nicht abwarten, sondern ihre Energieversorgung aktiv überprüfen. Wer weiterhin stark von Erdgas abhängig ist, muss mit steigenden Kosten, unsicheren Rahmenbedingungen und Anpassungsdruck rechnen.
Strom wird zur zentralen Infrastruktur für Wärme, Mobilität und Betrieb
Es wurde mehrfach deutlich, dass Strom künftig eine viel wichtigere Rolle einnehmen wird. Die WEMAG Netz GmbH stellte heraus, dass der Wegfall von Erdgas die Bedeutung der elektrischen Infrastruktur erhöht, insbesondere für unternehmerische Entscheidungen. Strom wird damit nicht nur als laufender Energiekostenfaktor relevant, sondern als Voraussetzung für Investitionen in Wärmeversorgung, Mobilität, Ladeinfrastruktur, Produktion und Standortentwicklung. Die Energie-Sparzentrale ordnete die Transformation des Energiesystems in mehrere zentrale Handlungsfelder ein: Ausbau erneuerbarer Energien, Sektorenkopplung und Elektrifizierung, Digitalisierung, Wasserstoffwirtschaft und Dezentralisierung. Besonders hervorgehoben wurden Verkehr und Wärme mit Strom sowie intelligente Messsysteme und digitalisierte Netze. Für Unternehmen heißt das: Viele künftige Lösungen werden strombasierter. Dazu gehören Wärmepumpen, elektrische Prozesslösungen, E-Mobilität, Ladeinfrastruktur, Speicher und digitale Steuerung. Die Entscheidung für solche Technologien hängt stark davon ab, ob Netzanschluss, Leistung, Lastmanagement und Standortbedingungen rechtzeitig geklärt sind. Die Präsentation zur Strominfrastruktur zeigte: Das Stromnetz ist dezentral und in verschiedene Ebenen gegliedert. Neben Höchst- und Hochspannung sind vor allem Mittel- und Niederspannung für die lokale Versorgung von Unternehmen wichtig. Gerade dort entstehen künftig zusätzliche Anforderungen, wenn Wärme, Mobilität und betriebliche Prozesse stärker elektrifiziert werden.
Der ländliche Raum hat besondere Risiken, aber auch Chancen
Für Unternehmen im ländlichen Raum ist die Transformation besonders relevant. Die WEMAG Netz GmbH stellte heraus, dass ländliche Räume durch größere Entfernungen, kleine bis mittelständische Unternehmen und lange Energienetze geprägt sind. Der Netzausbau ist dort wirtschaftlich anspruchsvoll, unter anderem wegen geringer Lastdichte und eines ungleichen Verhältnisses von Erzeugung und Verbrauch. Gleichzeitig liegt darin eine Chance: In ländlichen Regionen gibt es häufig eine überdurchschnittlich hohe Durchdringung mit erneuerbarem Strom, insbesondere aus Windenergie, Photovoltaik und Biogas. Die gezeigte Prognose zum Ausbau erneuerbarer Energien im WEMAG-Netzgebiet machte deutlich, dass Photovoltaik und Windenergie bis 2045 weiter zunehmen werden. Für die Unternehmen entsteht daraus eine doppelte Aufgabe. Einerseits müssen sie prüfen, wie sie unabhängiger von Erdgas werden können. Andererseits müssen sie frühzeitig klären, welche strombasierte Lösung an ihrem Standort technisch und wirtschaftlich machbar ist. Die Nähe zu dezentraler Erzeugung kann ein Vorteil sein, ersetzt aber keine Netzprüfung und keine Abstimmung mit dem Netzbetreiber. Die zentrale Aussage für Unternehmen im ländlichen Raum: Wer früh plant, kann die regionale Energiewende für den eigenen Standort nutzen. Wer zu spät plant, riskiert Verzögerungen, technische Engpässe oder wirtschaftlich ungünstige Entscheidungen.
Praktische Ansatzpunkte: Bilanzieren, planen, investieren
Die Referenten sahen mehrere konkrete Ansatzpunkte für Unternehmen. Die Energie-Sparzentrale stellte die Treibhausgasbilanzierung über Scope 1, Scope 2 und Scope 3 dar. Scope 1 umfasst direkte Emissionen, zum Beispiel aus Heizung, Fuhrpark, Klima- und Schaltanlagen oder Biomasse. Scope 2 umfasst indirekte Emissionen aus bezogener Elektrizität, Fernkälte oder Dampf. Scope 3 umfasst vor- und nachgelagerte indirekte Emissionen, unter anderem erworbene Waren und Dienstleistungen, Investitionsgüter, Abfall, Geschäftsreisen und Pendelverkehr. An einem Beispiel wurde gezeigt, dass eine THG-Bilanz nicht nur Berichtspflicht oder Dokumentation ist, sondern konkrete Handlungsfelder sichtbar macht. In der gezeigten Beispielbilanz war der Fuhrpark der größte Treiber. Als einfache Hebel wurden Ökostrom oder Ökogastarif genannt. Als kostenintensivere Hebel wurden unter anderem die Elektrifizierung des Fuhrparks, ein Heizungstausch, eine Wärmepumpe oder die Umstellung technischer Anlagen genannt.
Easy Car Wash zeigte mit „Project E“, wie ein Standort praktisch weiterentwickelt werden kann: von Fahrzeugpflege hin zum Mobilitätsstandort mit Solarcarports, E-Ladeinfrastruktur, Schnellladeangeboten für PKW und Nutzfahrzeuge sowie Hybridwechselrichter und Batteriespeicher. Die Speicher wurden je nach Einsatzort unterschiedlich eingeordnet: als Grünstromspeicher zur Verschiebung von Solarstrom, als Standort-Speicher für Lastmanagement und Peak Shaving sowie als Trading-Speicher zur netzdienlichen Nutzung. Daraus ergibt sich für Unternehmen eine klare Reihenfolge: a) den eigenen Energieverbrauch und die Emissionen erfassen, b) die größten Treiber identifizieren, zum Beispiel Fuhrpark, Heizung, Strombezug oder Prozessenergie, c) technische Optionen standortbezogen prüfen, d) frühzeitig mit Netzbetreibern und Fachpartnern abstimmen.
Der gut besuchte Grüne Dienstag, geprägt durch kontroverse Debatten und Fragen, die nicht alle beantwortet werden konnten, machte sehr klar deutlich: Der Erdgasausstieg verändert Unternehmensstandorte grundlegend. Es geht nicht nur um den Ersatz eines Energieträgers, sondern um eine neue Verbindung von Strom, Wärme, Mobilität, Speichertechnik, erneuerbarer Erzeugung und Netzanschluss. Der Wandel kommt nicht erst irgendwann. Die relevanten Entscheidungen beginnen jetzt – bei der Analyse des eigenen Energieverbrauchs, bei der Prüfung strombasierter Alternativen, bei der Planung von Lade- und Speicherlösungen und bei der Abstimmung mit Netzbetreibern. Wer frühzeitig handelt, kann Kostenrisiken begrenzen, Investitionen besser vorbereiten und die Chancen der regionalen Energiewende gezielt nutzen. Ein herzliches Dankeschön geht an alle Referentinnen und Referenten der WEMAG Netz GmbH, Energie-Sparzentrale, Easy Car Wash, HanseGas, der Thüga AG sowie an alle Teilnehmenden!
Projektmitarbeiterin Zukunftszentrum MV
Unternehmerverband Norddeutschland
Mecklenburg-Schwerin e.V.
DeveLUP
Garnisonsstraße 1
19288 Ludwigslust
Mobil: +49 (0)179 534 00 49
E-Mail: winkler@uv-mv.de








